Arnold Bartetzky (Leipzig): Erbe ohne Erben. Baudenkmäler nach Zwangsmigrationen zwischen Zerstörung, Verdrängung und Aneignung

Zum Erbe kann etwas nur werden, wenn es jemanden gibt, der sich als Erbe begreift. Kultererbe ist wegen seines überindividuellen Charakters auf Erbgemeinschaften angewiesen. Dabei kann es sich um örtliche Initiativen, um staatliche Institutionen oder um internationale Organisationen handeln.

Oft werden auch konkurrierende Erbansprüche erhoben. Wenn es aber keine aktiven Erben gibt, werden Bauten oder Kunstwerke zu bloßen Relikten der Vergangenheit, für deren Erhalt sich niemand zuständig fühlt. Dies ist im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte besonders in der östlichen Hälfte Europas infolge der vielen Zwangsmigrationen und Grenzverschiebungen immer wieder eingetreten.
Die Vorlesung richtet den Blick auf die Entwicklungslinien und die Vielfalt von Haltungen gegenüber zunächst unwillkommenen Hinterlassenschaften der Geschichte – von der Zerstörung über die Verdrängung und Marginalisierung, pragmatische Umnutzung und Umgestaltung, politische Umdeutung und ideologische Aneignung bis zum Schutz im Namen universaler Werte. Dabei zeigt sich, dass das, was einst Erbe gewesen ist und anschließend lange Zeit auf Ablehnung stößt oder dem Vergessen anheimfällt, nicht für immer ohne Erben bleiben muss. Früher oder später, manchmal erst nach vielen Generationen, treten Menschen auf den Plan, die aus welchen Motiven, mit welchen Mitteln und mit welchen Ergebnissen auch immer ein zunächst missachtetes, verdrängtes oder auch planmäßig vernichtetes Erbe in Erinnerung rufen, sich für dessen Aneignung einsetzen und damit zu Erbgemeinschaften werden.

Arnold Bartetzky ist Kunsthistoriker und Architekturkritiker. Er arbeitet als Abteilungsleiter am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) in Leipzig und lehrt als Honorarprofessor an der Universität Leipzig. In seiner publizistischen Tätigkeit, u.a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, beschäftigt er sich vorwiegend mit Architektur, Stadtentwicklung und Denkmalpflege. Er wirkt in verschiedenen Fachgremien auf dem Gebiet der Baukultur mit. Zu seinen Arbeitsgebieten in der Forschung gehören Architektur und Stadtplanung, visuelle Geschichtskultur und soziale Utopien von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Jüngste Buchpublikationen: Arnold Bartetzky: Die gerettete Stadt. Architektur und Stadtentwicklung in Leipzig seit 1989. Erfolge, Risiken, Verluste. Leipzig 2015; Geschichte bauen. Architektonische Rekonstruktion und Nationenbildung vom 19. Jahrhundert bis heute. Hg. von Arnold Bartetzky. Köln – Weimar – Wien 2017; Das verschwundene Leipzig. Das Prinzip Abriss und Neubau in drei Jahrhunderten Stadtentwicklung. Leipzig 2020 (zusammen mit Anna Reindl). Siehe auch: https://www.leibniz-gwzo.de/de/institut/team/arnold-bartetzky

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