Felix Denschlag (Hamburg): Mythen des kollektiven Gedächtnisses

Technische Universität Berlin
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Aleida und Jan Assmanns kulturwissenschaftliches Programm des ‚kollektiven Gedächtnisses‘ gewinnt sein Profil auch aus einer scharfen Abgrenzung gegen die Geschichtswissenschaft. Um diese Grenzziehung zu verstehen, muss man sich mit den Ausführungen zum Begriff des Mythos auseinandersetzen, die sich in beider Werk verstreut auffinden lassen. Auffällig ist die Nähe, wenn nicht Deckungsgleichheit oder wechselseitige Bestimmung mit dem Begriff des ‚kollektiven Gedächtnisses‘ selbst. Mythen sind für die Assmanns fundierende Geschichten im Dienste einer kollektiven Identität, die einen gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustand in das Licht einer unabänderlichen Ordnung der Dinge stellen und ihn auf diese Weise legitimieren und vor Veränderung schützen. Entsprechend wird die Assmannsche Gedächtnisforschung von der Prämisse derUnvermeidlichkeit bzw. Unumgänglichkeit von Mythen getragen. Dabei spielt die Frage nach dem Realitätsgehalt im Sinne tatsächlicher Ereignisse keine Rolle, die Assmanns wenden sich ausdrücklich gegen die Unterscheidung von Fiktion (Mythos) und Realität (Geschichte). Vielmehr kommt es ihnen allein auf das vermeintliche Wirkungspotential an, das von ihnen ausgeht und das Aleida Assmann zufolge durch die Geschichtswissenschaft bedroht wird, die zu einer Verwissenschaftlichung der Geschichte führt und damit den Identitätsbezug negiert.

In meinem Vortrag versuche ich das Assmannsche Verständnis vom Mythos genauer zu analysieren. Es ist dabei eine entscheidende Frage, inwiefern es Aleida und Jan Assmann darauf ankommt, nicht nur Mythen im Sinne des ‚kollektiven Gedächtnisses‘ zu analysieren, sondern auch deren Notwendigkeit zu postulieren. Wird mit ihrem Abweis des ideologiekritischen Erkenntnisinteresses letztlich allen Mythen die Legitimität zugebilligt? Und wenn das nicht so ist, wie lassen sich legitime von illegitimen Mythen unterscheiden? Zielt das ganze Programm ‚kollektives Gedächtnis‘ selbst auf die Schaffung von Mythen? Ist das ‚kollektive Gedächtnis‘ am Ende selbst ein Mythos?

Dr. Felix Denschlag studierte Philosophie, Soziologie und Evangelische Theologie in Oldenburg und Groningen. 2016 schloss er seine Promotion mit einer Arbeit ab, die die Theorie des ‚kollektiven Gedächtnisses‘ und ihre Identitätsvorstellung mit Walter Benjamins Erfahrungstheorie kritisiert und ergänzt („Vergangenheitsverhältnisse“, Bielefeld 2017). Zurzeit ist er mit der Erarbeitung einer kritischen Studie zur Dialektik von Theorie und Praxis des ‚kollektiven Gedächt­nisses‘ vor dem Hintergrund der deutschen Erinnerungspraxis seit den 1990er Jahren befasst. Er lebt und arbeitet in Hamburg.