Annette Vowinckel (Potsdam): Agenten der Bilder, oder: Die Genese visueller Öffentlichkeit im 20. Jahrhundert

Aufgrund der derzeitigen Lage finden alle Vorträge der Ringvorlesung bis auf Weiteres online statt und sind nur als Podcast zu hören.

Den Podcast zu diesem Vortrag finden Sie ab dem 1. Juli 2020 unter www.identitaet-und-erbe.org/podcast

Fotografiegeschichte wird oft als Geschichte der Fotografien geschrieben. Wer aber fotografiert unter welchen Bedingungen und für wen, wer wählt Fotografien zur Publikation aus (und verwirft oder zensiert andere) und wer nutzt sie zu welchem Zweck? Wie entsteht im 20. Jahrhundert eine globale visuelle Öffentlichkeit und was bewirken Fotografien, wenn sie darin erscheinen? Gibt es ein fotografisches Handeln in dem Sinn, dass das Medium politische Interventionen begründet, anstößt, aufhält oder verändert? Und wer sind diese Agenten der Bilder, die eine visuelle Ausdrucksform für das entwickeln, was gewöhnlich im Medium des Textes oder der Sprache verhandelt wird?

Ausgehend von den Berufsgruppen der Fotografen und der Bildredakteure wird im Vortrag gezeigt, wie sich im Bildjournalismus des 20. Jahrhundert neue Berufsgruppen herausbildeten, welche Ausbildungswege sie durchliefen, wie sie Themenfelder absteckten und wie die verschiedenen „Agenten der Bilder“ miteinander kooperierten. Die zentrale These ist, dass wir politische Fotografie nur dann richtig lesen können, wenn wir uns neben Bildinhalten auch die die Entstehungskontexte, die Publikationsnetzwerke und die hinter den Bildern stehenden Akteure und Institutionen ansehen. Der Blick auf die „Agenten der Bilder“ lohnt sich also nicht nur in historischer Perspektive auf das 20. Jahrhundert, er schärft auch den Blick auf das Nachrichtenwesen des 21. Jahrhunderts, das von alten und neuen Agenten der Bilder mitgestaltet wird.

Annette Vowinckel studierte Geschichte und Kunstpädagogik in Bielefeld, Jerusalem und Köln. Sie wurde 1999 mit einer Arbeit über „Geschichtsbegriff und Historisches Denken bei Hannah Arendt“ im Fach Geschichte in Essen promoviert und habilitierte sich 2006 mit einer Arbeit zur Kulturgeschichte der Renaissance am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2014 leitet sie am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam die Abteilung „Zeitgeschichte der Medien- und Informationsgesellschaft“ und lehrt Neuere und Neueste Geschichte am der zu Berlin. Zu ihren Arbeitsgebieten gehören die Medien-, besonders die Fotografiegeschichte, die Kultur- und Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts.

Buchveröffentlichungen: Geschichtsbegriff und Historisches Denken bei Hannah Arendt (2001), Hannah Arendt: Zwischen deutscher Philosophie und jüdischer Politik (2004) Grundwissen Philosophie: Hannah Arendt (2006/2015), Flugzeugentführungen. Eine Kulturgeschichte (2011), Das Relationale Zeitalter. Individualität, Normalität und Mittelmaß in der Kultur der Renaissance (2011), Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert (2016).