Heike Delitz (Frankfurt, Oder/Bamberg): Unmögliche, und notwendige kollektive Identität – und die Bedeutung von Architekturen

Aufgrund von COVID19 und den Eindämmungsmaßnahmen zur Pandemiebekämpfung findet der Vortrag online statt.

In dem Vortrag geht es um eine gesellschaftstheoretische Perspektive, die den Begriff der kollektiven, und kulturellen Identität zu schärfen sucht, statt diesen – wie so oft in der soziologischen und sozial- und kulturwissenschaftlichen Theoriedebatte – als per se essentialistisch zu kritisieren, und daher jeden Kollektivbegriff aufzulösen. Dazu wird auf postfundamentalistische Theorien zurückgegriffen, die ‚kollektive Identität‘ als ebenso unmöglich, wie auch und gerade daher als notwendig fassen – nämlich als kontrafaktische Imagination kollektiver Einheit und Identität. Genau darin besteht Gesellschaft, besteht eine jede kollektive Existenz: Gesellschaft ist die wirkungsvolle – Subjekte einteilende, Verhalten und Begehren formende – Institution einer imaginären kollektiven Einheit, Identität und eines gesellschaftlichen ‚Grundes‘. Ist kollektive Identität derart eine notwendige Imagination, besteht sie zugleich nur kulturell, sie ist symbolisch erzeugt; und greift dabei immer auch auf vorhandene Bedeutungen und deren Materielles zurück. Das Erbe der vergangenen Gesellschaftsformationen liegt darin, dass Bedeutungssysteme an sie anschließen (müssen) –zugleich wird die kollektive Identität in der Zeit permanent re-definiert. Für die historisch-kulturelle Konstruktion kollektiver Identität und Differenz sind nicht zuletzt Architekturen zentral: Neben und mit anderen symbolischen Systemen sind sie Modi der imaginären Institution von kollektiver Identität und Einheit.

Heike Delitz ist Privatdozentin für Soziologie an der Otto Friedrich Universität Bamberg und vertritt derzeit den Lehrstuhl für Vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Soziologische Theorie und Kultursoziologie sowie Vergleichende Soziologie. Zuletzt erschienen: Kollektive Identitäten, Bielefeld: transcript 2018; mit Robert Seyfert, als Hg.: Helmuth Plessner: Political Anthropology (englische Übersetzung von ‚Macht und menschliche Natur‘, übersetzt von Nils F. Schott), Evanston: Northwestern UP 2018.

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