Michael Karpf

Kurzvita

  • seit 2019 Kollegiat am DFG-Graduiertenkolleg 2227 „Identität und Erbe“ an der Bauhaus-Universität Weimar
  • 2019 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. in Frankfurt am Main
  • 2018–2019 Programm zur Promotionsvorbereitung am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt
  • 2017–2019 Lehrbeauftragter am Arbeitsbereich Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • 2014–2017 Master Gesellschaftstheorie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • 2010–2014 Bachelor Sozialwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen

Kontakt

Bauhaus-Universität Weimar
Fakultät Architektur und Urbanistik
DFG-Graduiertenkolleg 2227 „Identität und Erbe“
D-99421 Weimar

Sitz: Prellerhaus | 3. OG | Raum 303
Geschwister-Scholl-Str. 6 | D-99423 Weimar
michael.peter.karpf[at]uni-weimar.de

Nach den Zeugen. Über die Erinnerung des Holocaust am Ende personaler Zeugenschaft am Beispiel von László Nemes Jeles‘ Film SAUL FIA

Das Dissertationsprojekt geht der Frage nach, wie Gesellschaften im 21. Jahrhundert auf die nationalsozialistische Vergangenheit zugreifen und sich ein Bild von dieser historischen Gegenwart machen. Hierfür wird die Auseinandersetzung mit dem Ende personaler Zeugenschaft des Holocaust im Medium des populären Geschichtsfilms fokussiert, um die Transformation der Geschichtskultur am Übergang von einem kommunikativen zu einem kulturellen Modus des sozialen Erinnerns näher zu untersuchen. Im Anschluss an die Überlegungen zu einer filmischen Soziologie wird der Film nicht nur als Untersuchungsgegenstand, sondern auch als öffentlich zirkulierende Auseinandersetzung mit jenem geschichtskulturellen Wandel konzipiert. Filmemacher, so die Annahme, bilden im Film die historische Wirklichkeit nicht einfach ab, sondern nutzen das Medium, um durch die eigens modellierte Vorstellung von dieser historischen Welt eine eigene Auseinandersetzung mit relevanten gesellschaftlichen Themen und geschichtskulturellen Debatten zu führen. So verstanden ist der Geschichtsfilm nicht nur ein Zugang zu den Geschichtsbildern der Gegenwart, sondern zugleich ein eigenständiger Modus historischen und soziologischen Denkens.

Anhand von László Nemes Jeles‘ Film SAUL FIA von 2015 wird die Frage der Bedeutung der testimonialen Überlieferung für die nachträgliche Konstruktion einer bildhaften Vorstellung vom historischen Ereignis bis in die Gegenwart der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden in Auschwitz-Birkenau im Sommer 1944 zurückverfolgt. Dabei thematisiert der Film in seiner Darstellung des ›Sonderkommandos‹ sowohl den historischen Versuch der Nationalsozialisten die personale Zeugenschaft zu verunmöglichen als auch die widerständigen Akte der Häftlinge jenes Ereignis doch zu bezeugen. Damit greift Nemes Jeles über die filmische Rekapitulation der testimonialen Praktiken der Häftlinge die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen einer nachträglichen Vergegenwärtigung dieses historischen Moments auf, die sich mit dem Versterben der letzten noch lebenden Zeugen für die gegenwärtige Geschichtskultur in einer ganz anderen Weise stellt. SAUL FIA lässt sich deshalb, so die Annahme, als eine filmische Auseinandersetzung mit der Zeugenschaft des Holocaust verstehen, die am Ende der ›Ära der Zeugenschaft‹ (Annette Wieviorka) die Frage nach der Darstellbarkeit des Holocaust, die sich vollziehende Transformation der Geschichtskultur und den Verlust der personalen Zeugen als lebende Quellen und moralische Instanzen für die Auseinandersetzung mit der Vernichtung der europäischen Juden neu thematisiert. Das Dissertationsvorhaben untersucht dementsprechend die Funktionsweise der Vergegenwärtigung der Vergangenheit in der filmischen Form als Auseinandersetzung mit der geschichtskulturellen Formation der Gegenwart und ihren Herausforderungen.


Veröffentlichungen (aktuell)

Afterimages. Natural Space and Memoryscapes of the Holocaust in Georges Didi-Huberman’s Bark. In: Janine Fubel/Alexandra Klei/Annika Wienert (Hrsg.): Raum und Holocaustforschung. Eine transdisziplinäre Einführung. Berlin/New York:De Gruyter. (in Vorbereitung)

Rezension zu: Elizabeth Ward. East German Film and the Holocaust. New York/Oxford: Berghahn 2021. In: MEDIENwissenschaft. Rezensionen | Reviews 2021 (4). Marburg: Schüren.

Tagungsbericht: Der Intellektuelle, die Erinnerung und die Stadt. Maurice Halbwachs im Spiegel des 21. Jahrhundert, 15.10.2021 – 17.10.2021 Weimar. In: H-Soz-Kult, 12.11.2021. Online verfügbar unter: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9136 (Stand: 12.11.2021).

Zeugenschaft darstellen. Un-/Möglichkeiten der Darstellung des Holocaust in SAUL FIA. In: nach dem film 19 (Schwerpunkt: Mit Film denken und handeln). Online verfügbar unter: https://www.nachdemfilm.de/index.php/issues/text/zeugenschaft-darstellen (Stand: 20.10.2021). 

Wie kommt eine Gesellschaft zu ihren Bildern? Oder: Zur bildhaften Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit. In: IMAGE. Zeitschrift für interdisziplinäre Bildwissenschaft 34, 2021, S. 38–59.

Rezension zu: Rasmus Greiner. Histospheres. Zur Theorie und Praxis des Geschichtsfilms. Berlin: Bertz + Fischer. In: MEDIENwissenschaft. Rezensionen | Reviews 2021 (2). Marburg: Schüren, 2021, S. 191–192.