Heike Becker (Kapstadt): Denkmalstürze und lebendige Erinnerung. Zu Politik und Ästhetik postkolonialer Erinnerungskulturen und Stadtbilder im südlichen Afrika.

Nach dem Ende der Apartheid huldigten in den öffentlichen Räumen südafrikanischer Städte wie Windhoek und Kapstadt noch immer zahllose Denkmäler den kolonialistischen Eroberungen. In den Stadtbildern Südafrikas und Namibias blieben weiterhin Teile einer schmerzhaften Geschichte des Unrechts bis in das 21. Jahrhundert hinein ausgelöscht.

Der Vortrag untersucht, wie verschiedene Akteur:innen in den vergangenen Jahren den fragwürdigen Fortbestand kolonialer Geschichtsbilder angefochten haben. Die Frage nach einer angemessenen Form und politischen Positionierung der Erinnerungskultur wird zunächst anhand der staatlich geförderten, neuen Gedenkorte gestellt, die an den antikolonialen Widerstand und den nationalen Befreiungskampf erinnern sollen. Wichtige Beispiel dafür sind die von nordkoreanischen Baufirmen errichteten Gedenkstätten: der Namibian National Heroes Acre und das Independence Memorial Museum, das an der Stelle eines berüchtigten Denkmals der Kolonialzeit errichtet wurde.
Weiterhin berichtet der Vortrag von Denkmälern des Kolonialismus, die in Südafrika von jungen antikolonialistischen Akteur:innen der Zivilgesellschaft hinterfragt werden. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Rhodes Must Fall-Bewegung, die 2015 in Kapstadt begann und die globale Dekolonialisierungsbewegung inspiriert hat. Viele junge namibische Künstler:innen und Aktivist:innen haben sich ebenfalls mit dem Ziel zusammengeschlossen, den öffentlichen Raum durch Protestaktionen auf der Straße und Kampagnen in den sozialen Medien zu entkolonialisieren. Der Vortrag unternimmt eine kritische Einordnung der vorgestellten Dekolonisierungsaktivitäte

Prof. Dr. Heike Becker ist Kulturanthropologin, Sozialwissenschaftlerin und Autorin. Sie leitet die Abteilung Anthropologie an der University of the Western Cape in Südafrika, wo in den Themenfeldern anthropologische Theorie, visuelle Kultur, Populärkultur und Politiken struktureller Gewalt unterrichtet. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Erinnerungspolitik, Bildwissenschaften, Kulturen des Alltags und der sozialen Widerstandsbewegungen im südlichen Afrika (Südafrika und Namibia). Ihr aktuelles Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Dekolonisierung des öffentlichen Raums, der aktivistischen Geschichtsarbeit und den antirassistischen Bewegungen in Deutschland und Großbritannien. Sie hat zahlreiche Publikationen über den Umgang mit schwierigem Kulturerbe wie Denkmälern, Gedenkstätten und öffentlicher Kunst in Namibia und Südafrika veröffentlicht, unter anderem:
„Changing Urbanscapes: Colonial and postcolonial monuments in Windhoek“ (Nordic Journal of African Studies), „Commemorating heroes in Windhoek and Eenhana: memory, culture and nationalism in Namibia, 1990-2010“ (Africa. Journal of the International African Institute), und „Remembering Marikana: public art intervention and the right to the city in Cape Town“ (Social Dynamics). Zusammen mit Carola Lentz war sie die Herausgeberin einer Sonderausgabe der Zeitschrift Anthropology Southern Africa zum Thema „The politics and aesthetics of commemoration: National days in southern Africa“.

Technical University Berlin

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