WITH/OUT IDENTITY. Zur Frage von Identitätskonstruktionen in Raum, Erbe und Communities (7. Jahrestagung)

Der Identitätsbegriff erfährt heute in verschiedenen Disziplinen eine kritische Bearbeitung. Seine Unschärfe und die problematische Tendenz, den Begriff zu essentialisieren, führen einerseits dazu, dass die Verwendung des Begriffs bewusst vermieden wird. Andererseits bildet der Rückgriff auf Konzepte von Identität und Identitätsbildung einen wichtigen Bezugsrahmen – insbesondere für jene Communities, denen die Möglichkeit abgesprochen wird, Geschichte, Erinnerung und Wissensbestände selbst zu artikulieren.

Die Konstruktion von Räumen und Kulturerbe ist von entscheidender Bedeutung für die Frage, wie Identität in sozialen, politischen und damit auch in physischen Räumen angeeignet, ausgehandelt oder behauptet wird. Die 7. Jahrestagung des Graduiertenkollegs versteht den Identitätsbegriff daher als Projektionsfläche, mit deren Hilfe sich Gruppen und Communities konstituieren und in Bezugnahme auf räumliches wie materielles Kulturerbe Gemeinsamkeiten imaginieren. Für eine kritische Untersuchung von Identitätskonstruktionen greift die Tagung aktuelle und gesellschaftspolitische Aushandlungsdiskurse um Erbe und Raum aus Sicht verschiedener Disziplinen auf.

Die eingeladenen Redner*innen aus dem Feld der Architektur, (Kunst)Geschichte, Soziologie, Politikwissenschaft und Denkmalpflege werden in fünf Panels Ergebnisse und Fragestellungen aus aktuellen Forschungsprojekten präsentieren. Das klassische Tagungsformat wird durch zwei Keynote-Vorträge und eine Filmvorführung ergänzt. Ein besonderer Schwerpunkt widmet sich der Frage nach den Identitätskonstruktionen, mit denen die Gestaltung von Zukünften begründet wird. Weiterhin werden alteritäre Raumkonzepte, die aktuellen Transformationen musealer Narrative und umstrittene Erbekonstruktionen diskutiert, sowie Beispiele von (De)konstruktionen kolonialer Identität und die Identitätskonstruktionen aus der Perspektive marginalisierter Communities vorgestellt.

Die 7. Jahrestagung „WITH/OUT IDENTITY“ des DFG-Graduiertenkollegs „Identität und Erbe“ findet vom 23.11. bis 24.11.2023 an der Bauhaus-Universität Weimar statt (Oberlichtsaal im Hauptgebäude, Geschwister Scholl Straße 8).

Zur Online-Teilnahme (Videokonferenz)

Programmheft (PDF)

Programm

23.11.2023

09:30

Ton, Steine, Erben – Was bleibt von Hausbesetzungen in Berlin? (DE)

Hausbesetzungen sind ein eingehend erforschtes Thema, insbesondere in den Sozial-wissenschaften. Untersuchungen fokussieren dabei oft auf die Hausbesetzer*innen, ihr politisches Milieu sowie die sozialen Aspekte der teils sehr unterschiedlichen Communities. Selten standen jedoch die besetzten Häuser als materielles Erbe und Träger von Zuschreibungen und Erinnerungen im Fokus. Dieser Leerstelle widmen wir uns in unserem Forschungsprojekt „Was bleibt? Besetzte Häuser als (im)materielles Erbe und Case Studies für prozesshaftes Entwerfen“ zu besetzen Häusern in Berlin und fragen neben den entwurflichen Aneignungsprozessen auch nach den Überlieferungsmöglichkeiten von Hausbesetzungen.  Fallstudienartig möchten wir erste Ergebnisse unseres Forschungsprojektes und des angegliederten Seminars vorstellen und zur Diskussion stellen. Im Zentrum werden Projekte wie das Kunsthaus Tacheles stehen, das nach der Räumung 2012 derzeit denkmalgerecht saniert wird, wobei die Street Art, Graffiti und weitere Spuren der Nutzungsgeschichte, die auf der Besetzung durch die Künstler*innengruppe „Tacheles“ fußt, konservatorisch erhalten werden, während das […]

Weiterlesen…

Kirsten Angermann, Franka Fetzer, Ulrike Kuch

23.11.2023

10:10

Lokale Identitätskonstruktionen in digitaler Transformation: An den ‚Peripherien‘ einer globalisierten Welt (DE)

Abgelegene, ländliche Räume sind ein beliebtes Subjekt urban-zentrischer Projektionen. Häufig als Peripherien der globalen Vernetzung und Schwellen von Modernisierungs- und Entwicklungsvorhaben gebrandmarkt, gelten sie sogleich als Ressource, die es planerisch zu erschließen gilt. Während den Bewohner*innenperspektiven wenig Platz im öffentlichen Diskurs eingeräumt wird, erleben diese die digital getragene Kommodifikation ihres Lebensraums zu Symbolräumen einer mystifizierten Authentizität mit. Heute koproduzieren digitale Technologien translokal die Neuinterpretation und Transformation dieser Räume. Diese digitale Vernetzung der Welt wird in Raumwissenschaften und -planung als critical juncture der Raumproduktion verstanden: Globale Diskurse, Dienste und Wissenssysteme, an die wir als Individuen digital angeschlossen sind, refigurieren unseren gefühlten Standpunkt in der Welt und nehmen Einfluss auf unsere Raumhandlungen. Identitätskonstruktionen, bestehend aus multiplen und simultanen Kontexten eines Individuums (Sen, 2006), bilden damit Weichenstellungen alltäglicher Raumproduktionen. Durch digitale Technologien gewinnen sie heute potenziell neue Spielräume, um lokale (Raum)identitäten und Erbeverständnisse angesichts externer und […]

Weiterlesen…

Jae-Young E. Lee

23.11.2023

10:50

Tracing Nepantla (EN)

Die künstlerische Recherche „Tracing Nepantla“ nähert sich dem Konzept des nepantla, dem Zwischenraum, aus einer räumlichen Perspektive. Das Wort nepantla stammt aus dem Nahuatl und bedeutet so viel wie ‚in der Mitte stehen‘. Die Autorin, Theoretikerin und selbsternannte Chicana und Lesbe Gloria E. Anzaldúa (1942-2004) entwickelte darauf aufbauend in den 1980er Jahren eine Sprache für das Gefühl des Dazwischenseins, für verschiedene und fluide Identitäten und Zugehörigkeiten. Ausgehend von der Geschichte des mexikanisch-US-amerikanischen Grenzraums erweitert sie in ihrem mehrsprachigen Buch „Borderlands – La Frontera: The New Mestiza“ (1984) das geografische und kulturelle Verständnis der Grenzregion. Anzaldúa zeigt auf, wie Grenzgebiete nicht nur physische oder räumliche Geflechte sein können, sondern wie sich unsere Leben, abhängig von unserer jeweiligen Positionierung zueinander, auch in Form von psychischen oder sexuellen Grenzen verschieden durchkreuzen. Sie verwendete das Konzept von nepantla, um diesen Grenzraum zu beschreiben und formulierte dieses bis zu ihrem Tod weiter aus. […]

Weiterlesen…

Ana M. Rodriguez Bisbicus

23.11.2023

12:00

Ein (nicht mehr ganz so) schwieriges Erbe. Über das Dokumentieren des sich wandelnden Nürnberger Reichsparteitagsgeländes (EN)

Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg ist die größte erhaltene Denkmalanlage des Nationalsozialismus in Deutschland. Nach einer umstrittenen Entscheidung soll dort vorübergehend das Opernhaus der Stadt und daran anschließend ein Kulturzentrum untergebracht werden. Zusammen mit der aufwendigen Restaurierung anderer wichtiger Teile der Anlage – des Zeppelinfelds und der Zeppelintribüne – stellen die zum Teil bereits in ihrer Umsetzung begonnenen Pläne die umfangreichste Generalüberholung dieses NS-Architekturkomplexes seit seiner Errichtung in den frühen 1930er Jahren dar.  Der Filmemacher Gilad Baram und der Komponist und Künstler Bnaya Halperin-Kaddari sind in Israel als Nachkommen europäischer Juden aufgewachsen und haben das Land vor über zehn Jahren verlassen, um in Berlin zu leben und zu arbeiten. Von den Umbauplänen in Nürnberg irritiert, begannen sie ein Filmprojekt, welches das Gelände sowohl als physischen Ort der architektonischen Transformation als auch als metaphorischen Ort gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen im Hinblick auf […]

Weiterlesen…

Gilad Baram, Bnaya Halperin-Kaddari

23.11.2023

15:00

Wenn diese Wand sprechen könnte: Die Judensau in Wittenberg (EN)

Im Oktober 2022 endete eine langjährige Kontroverse darüber, ob ein mittelalterliches Relief, die sogenannte „Wittenberger Sau“, an der südlichen Außenwand der Marienkirche in Wittenberg entfernt oder erhalten werden sollte – zumindest hofften dies der Wittenberger Stadtrat und die Stadtkirchengemeinde. Unter Berufung auf die fünf Monate zuvor ausgesprochene Empfehlung des Bundesgerichtshofs entschieden sich die Verantwortlichen gegen eine Entfernung des Reliefs. Diese Entscheidung stützte sich auf die Tatsache, dass das Relief seit 1988 Teil eines Mahnmals ist, das unter der Sau angebracht ist und dem Mord an sechs Millionen von den Nazis ermordeten Jüd*innen gedenkt. Anerkannt wurde dabei auch die Notwendigkeit, den Text auf der Erläuterungstafel neben dem Mahnmal zu überarbeiten, so dass er ausführliche Informationen über die Ikonographie des Reliefs und den Antijudaismus und Antisemitismus in der Kirche bietet. Mir wurde mitgeteilt, dass eine Petition von mehr als fünfzig israelischen Wissenschaftler*innen und Student*innen, […]

Weiterlesen…

Galit Noga-Banai

23.11.2023

15:40

Verhandlung der Identität Teherans: Die räumlich-diskursive Assemblage um den Wiederaufbau von Baladiyeh (EN)

Die stilistische Restaurierung und Rekonstruktion abgerissener historischer Denkmäler ist in verschiedenen gesellschaftspolitischen Kontexten – von Nanjing über Dubai bis Berlin – zu einem kontroversen Thema geworden. Auch in der iranischen Hauptstadt wird über die stilistische Restaurierung und Rekonstruktion historischer öffentlicher Plätze und Denkmäler diskutiert. Kritiker haben die Fassaden im Qajar-Stil an alten und modernen Gebäuden oft als dickes Make-up für das verfallende Gesicht des Teheraner Stadtzentrums bezeichnet und es zu einem vermarktbaren Produkt für die Tourismusindustrie gemacht. In Anbetracht der wirtschaftlichen Aspekte der Denkmalschutzplanung in Teheran konzentriert sich dieser Beitrag auf die Identitätspolitik, eine weniger diskutierte Dimension der oben genannten Projekte. Angesichts der in der Teheraner Öffentlichkeit vorherrschenden Nostalgie für die 1960er und 1970er Jahre, scheinen die reformorientierten Stadtplanungsverwaltungen geneigt zu sein, den physischen öffentlichen Raum mit der Zeit vor dieser Periode in Verbindung zu bringen. Genauer gesagt hat die Stadtverwaltung […]

Weiterlesen…

Solmaz Yadollahi

23.11.2023

16:20

Die sowjetische Vergangenheit als Teil der Identität moderner ukrainischer Städte (EN)

Die Geschichte der Sowjetzeit ist für Ukrainer*innen seit jeher ein komplexes und mit Emotionen aufgeladenes Thema – nicht zuletzt, weil sie ständig Gegenstand von Manipulationen und Spekulationen durch die Kreml-Propaganda gewesen ist. Seit der Annexion der Krim, dem Beginn der russischen Militärintervention im Jahr 2014 und vor allem nach der Kriegserklärung im Jahr 2022 hat sich diese Problematik weiter verschärft. In der russischen Propaganda wird die sowjetische Vergangenheit ausdrücklich als russisch bezeichnet. Dies führte dazu, dass die Sowjetunion nicht mehr als ukrainische Vergangenheit, sondern vor allem als russische Gegenwart wahrgenommen wird und zugleich Intoleranz und Hass gegenüber dem mit dieser Zeit in Verbindung stehenden Erbe zunehmen. Aufgrund derartiger Manipulationen sind die Ukrainer*innen bestrebt, das kulturelle Erbe der komplexen kolonialen Vergangenheit zu beseitigen. Dennoch ist es Teil der Vergangenheit eines Landes, das selbst in den totalitären Jahrzehnten nicht nur seine Subjektivität, […]

Weiterlesen…

Yevheniia Moliar

23.11.2023

17:30

Das disidentifizierte Subjekt: Zur Kritik der Kritik von Identitätspolitik (DE)

Mit einer gewissen Regelmäßigkeit entdeckt die deutsche Publizistik ‚Identitätspolitik‘ als ein Problem der Gegenwart, tut sich aber gleich in zweierlei Hinsicht schwer mit einer genauen Beschreibung dessen, was diese Form der Politik zum Problem macht. Einerseits tendiert die Kritik dazu, die Kategorie ‚Identität‘ als Versuchung der allerjüngsten Gegenwart zu verstehen und verkennt somit sowohl die mittlerweile doch beachtliche Tradition identitätspolitischer Ansätze als auch die lange Tradition und Provenienz der eigenen Kritik. Andererseits muss sie die Relation zu den Identitätskategorien in den von ihr beanstandeten Politikformen als scharf von ‚normalen‘ oder ‚traditionellen‘ Politikformen unterschieden vorstellen. Diese Form der Kritik ist politisch breit aufgestellt, kann zum Beispiel aus linker Blickrichtung genauso reüssieren wie aus einer liberalen, und hat in den Diskursen in Deutschland wie in den USA etwas Selbstverständliches: Kaum jemand sagt affirmativ, er betreibe Identitätspolitik. Identitär sind vielmehr die anderen.Was aber […]

Weiterlesen…

Adrian Daub

24.11.2023

09:15

Gefühl und Gewalt: Malerische Architektur und Stadtplanung im englisch- und deutschsprachigen Raum seit dem 18. Jahrhundert. Ein ästhetisches Konzept affektiver Kontrolle und (sozial)räumlicher Segregation (DE)

Das Malerische, vornehmlich im englisch- und deutschsprachigen Raum verbreitet, entwickelte sich in den Architektur-, Städtebau- und Kulturdiskursen des 18. bis 20. Jahrhunderts. Der Begriff (im Englischen: the Picturesque) beschreibt atmosphärisch-idyllische Erscheinungen, die das Vernakuläre, Landschaftliche sowie Identitär-Nostalgische charakterisieren und meistens im vermeintlichen Kontrast zu den industrialisierten Großstädten und rationalisierenden Planungsstrategien stehen. Beginnend in der Landschafts- und Architekturmalerei sowie der Gartengestaltung fand das Konzept seither unter anderem Anwendung in Architektur und Siedlungsbau, in der Freizeitparkgestaltung, im Tourismus-Marketing oder bei Bildproduktionen in Print- und Digital-Medien.  Seit dem 18. Jahrhundert kam es in Europa und den USA zu Nationenbildungen, mit denen auch neue ästhetische Konzepte wie das Malerische einhergingen, das kollektive Identitäts- und Erinnerungsbildung affektiv hervorruft und im Sinne einer Containment-Strategie wirksam werden kann. Kollektive, Regime und Unternehmen machten sich das kontrollierende Effektpotential dieses Konzeptes zu eigen und wenden es bis heute auf verschiedene Modalitäten […]

Weiterlesen…

Philipp Krüpe

24.11.2023

09:55

Vorstellungen historisch determinierter Stadtidentität und exklusive Erinnerungspolitik in der ‚Marinestadt‘ Wilhelmshaven (DE)

Die Vergangenheit Wilhelmshavens – einer Zweckgründung als Marinestützpunkt und jahrzehntelanges Drehkreuz deutscher Seeherrschaftsansprüche – ist präsent in der Struktur des Stadtraumes, seiner baulichen Ausgestaltung, und in der fortgesetzten Rolle als Standort der Marine. Diese Präsenz aufnehmend positionieren Stadtpolitik und Teile der Zivilgesellschaft die Marine und deren Geschichte während der Kaiserzeit als geschichtlichen Wesenskern und zwangsläufige ‚Identität‘ der Stadt, der sich die Stadt nicht verweigern, sondern sie nur annehmen könne. Dies drückt sich in geschichtspolitischen Debatten, erinnerungskulturellen Praktiken und symbolischen Markierungen des Stadtraumes aus: Bronzestatuen von Wilhelm I. und Bismarck wurden neu aufgestellt, ein Smiley mit Pickelhaube diente als Stadtlogo, die Uferpromenade bleibt nach einem NS-Admiral benannt und das Kolonialkriegerdenkmal ohne kritische Einordnung. Die Touristikagentur vermarktet die Stadt über die (virtuelle) ‚Pracht‘ der kaiserzeitlichen Marine, ehemals Koloniales findet sich überformt in Selbstbildern einer Tradition der Weltläufigkeit. Hinter dieser suggerierten Zwangsläufigkeit einer […]

Weiterlesen…

Leon Biela

24.11.2023

10:35

Den Pelourinho durch Erinnerung (de)konstruieren: Zur sozialen Konstruktion eines Schwarzen Symbolortes in Brasilien (DE)

Pelourinho ist der Name eines Stadtviertels im historischen Zentrum von Salvador da Bahia, das 1985 als „Kolonialstadt par excellence“ in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurde und als symbolisches Zentrum des Schwarzen Empowerments in Brasilien und darüber hinaus weitreichende Bekanntheit genießt. Zwischen dem eigentlichen Wortsinn der Ortsbezeichnung und der Bedeutung des Viertels als Schwarzer Symbolort offenbart sich bei näherer Betrachtung ein vielsagender Widerspruch, der den Ausgangspunkt des Vortrags bildet: Pelourinho ist die portugiesische Bezeichnung für den Pranger, der in brasilianischen Kolonialstädten bis ins frühe 19. Jahrhundert als Schauplatz der Bestrafung von Versklavten diente – ein Symbol kolonialer Autorität und Disziplinierung, das sich einst als bauliches Element im Stadtraum von Salvador da Bahia manifestierte und dem Viertel langfristig zu seinem Namen verhalf. Wie lässt sich die Umdeutung des Pelourinho vom kolonialen Machtsymbol zum Schwarzen Symbolort erklären? Wie tragen lokale Akteur*innen durch raumbezogene Praxis […]

Weiterlesen…

Gabriela Iracema Randig

24.11.2023

11:45

Positionalitäten und Identitäten im Museum. Unser Weg zu einer persönlicheren, reflektierten institutionellen Praxis. (DE)

Oft werden Museen als objektive, neutrale Orte wahrgenommen (Gesser et al. 2020). Mithilfe des Bewahrten und Gezeigten, aber auch durch die ausgeschlossenen Dinge, Wissensbestände und Narrative, tragen sie wesentlich zur dominierenden Erinnerungskultur und Wahrnehmung von Individuen und Gemeinschaften sowie ihrer jeweiligen Identitäten bei. Die angenommene museale Objektivität wird von Museumsmitarbeitenden bislang wenig hinterfragt und gleichzeitig von jenen Forschungsprojekten bestätigt, die Museen als einstimmige statt peopled Institutionen betrachten (Boersma 2023; Morse et al. 2018). Die Positionalitäten der Mitarbeitenden werden in der musealen Praxis kaum reflektiert.Das kritische Nachdenken über unsere eigenen Positionalitäten möchten wir in unserem Vortrag ins Zentrum stellen. Dazu beginnen wir mit einer Auseinandersetzung mit dem Identitätsbegriff und beleuchten die Aushandlungsprozesse verschiedener Identitäten: einer narrativen Identität, die in Ausstellungen hervortritt, einer institutionellen, die in Arbeitsprozessen und -praktiken sichtbar wird, einer beruflichen, die das eigene Selbstverständnis der Mitarbeitenden berührt, und einer persönlichen, die […]

Weiterlesen…

Nushin Atmaca, Susanne Boersma

24.11.2023

12:25

Brasilianische Soziomuseologie, Identität und Widerstand (EN)

Das Museum ist eine alte europäische Institution, die die Entstehung einer spezifischen Disziplin, der Museologie, anregte. Dieses Fachgebiet hat sich weiterentwickelt, um Akteuren akademische Unterstützung zu bieten und das Studium der Techniken des Sammelns, Bewahrens, Erforschens und Ausstellens von kulturellem Erbe zu erweitern, um damit die Rolle von Museen für die Gesellschaft widerzuspiegeln. Dieser Ansatz zur Erfüllung gesellschaftlicher Anforderungen wurde insbesondere durch die Bewegung der Neuen Museologie verstärkt, die im 20. Jahrhundert Gestalt annahm und sich weltweit verbreitete. In den frühen 2000er Jahren beeinflusste diese Dynamik durch den intellektuellen Austausch mit der Universität Lusófona in Portugal die neue öffentliche Politik in Brasilien. Sie ermöglichte unter anderem die Gründung des Maré-Museums und des Favela-Museums, beide in der Stadt Rio de Janeiro, sowie des Memory Spots-Programms. Letzteres ist eine dezentrale Initiative, die von der nationalen Regierung konzipiert und umgesetzt wurde, um Basiserfahrungen […]

Weiterlesen…

Erica de Abreu Malchow 

24.11.2023

15:00

Unsichtbares Erbe, Segregierte Räume: Untersuchung sozialräumlicher Aushandlungsprozesse hochqualifizierter indischer Migrant*innen in Frankfurt am Main (EN)

Der Vortrag beschäftigt sich mit den sozialräumlichen Erfahrungen hochqualifizierter indischer Migrant*innen (HSM) in Frankfurt, der größten Bevölkerungsgruppe qualifizierter Migrant*innen in Deutschland. Die Aktualität des Themas erschließt sich angesichts des erstaunlichen Zuwachses dieser Bevölkerungsgruppe von 550 % in den letzten zehn Jahren. Unter Verwendung unterschiedlicher Methoden wie Kartierungen, Interviews und Diskursanalysen untersucht die Arbeit die Herausforderungen, mit denen sich die indischen HSM konfrontiert sehen.Die Forschungsarbeit zeigt diskriminierende Strukturen auf, die zur Segregation von Migrant*innen innerhalb der Stadt führen und identifiziert eine mangelnde Sichtbarkeit ihres kulturellen Erbes, aufgrund der Unterbringung wichtiger religiöser Einrichtungen wie Tempel und Gurudwaras in umfunktionierten Gebäuden in den industriellen Vororten von Frankfurt. Im Rahmen der 7. Jahrestagung des Graduiertenkollegs “Identität und Erbe” beleuchtet der Vortrag die Entstehung von Identitätskonstruktionen inmitten komplexer sozio-politischer und physischer Räume, mit besonderem Augenmerk auf die Rolle von HSM.Unter Einbeziehung empirischer Daten aus aktuellen Feldforschungen setzt […]

Weiterlesen…

Dhara Patel

24.11.2023

15:40

„Wir stehen hier schon ein paar hundert Jahre“: Verhandlungen über Erbe und Identität im Amsterdamer Rotlichtviertel (EN)

Das Amsterdamer Rotlichtviertel De Wallen steht zunehmend im Fokus einer Debatte über die Herausforderungen rund um Kriminalität, Tourismus und Lebensqualität in der Stadt. Pläne für ein „Erotikzentrum“ außerhalb der Stadt mobilisierten Anwohner*innen, kommunale Akteure und Unternehmer*innen zu der Frage, wer und was überhaupt in das Viertel gehört. Der zunehmende Massentourismus führte dabei einerseits zu einem Gefühl der ‚Entfremdung‘ sowie dem Verlust einer Ortsidentität und damit auch zu Forderungen nach einer Beseitigung der Sexarbeit. Andererseits werden Gentrifizierungsprozesse und die fortschreitende Verdrängung des Sexgewerbes von langjährigen Bewohner*innen und Unternehmer*innen bedauert, für die der Rotlichtcharakter des Viertels eng mit der Identität des Ortes verbunden ist. Diese ambivalenten Erfahrungen von Wandel und Verdrängung möchte ich vor dem Hintergrund der neoliberalen Rekonfiguration der Innenstadt beleuchten, indem ich die Bedeutung und Rolle von ‚Erbe‘ und ‚Identität‘ im Rahmen umfassender städtischer Entwicklungsprozesse untersuche. Die Fallstudie de Wallen soll damit einen Beitrag […]

Weiterlesen…

Nina Gribling

24.11.2023

16:50

Das Forschungs- und Vermittlungsprojekt «A Future for whose Past? The Heritage of Minorities, Fringe Groups and People without a Lobby» zum 50. Jubiläum des Europäischen Denkmalschutzjahres (DE)

Das Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 stand unter dem Motto «Eine Zukunft für unsere Vergangenheit». 50 Jahre später stehen wir angesichts der Folgen von Krieg, Klimawandel, Migration und Vertreibung vor der Frage, ob wir noch von einer Vergangenheit und einem Denkmalbestand sprechen können. Cultural turn, Postkolonialismus und Critical Heritage Studies haben den Erbebegriff von einer kanonischen hin zu einer diskursiven Epistemologie verändert. Minderheiten verlangen in Absetzung von normativen Identitätskonzepten einen veränderten Umgang mit Denkmalen. Baukultur und Bestandserhalt fordern das Werte-System der Denkmalpflege heraus.  Das Forschungs- und Vermittlungsprojekt „A Future for whose Past? The Heritage of Minorities, Fringe Groups and People without a Lobby“ des ICOMOS Suisse und der Professur Konstruktionserbe und Denkmalpflege der ETH Zürich fragt anlässlich des 50. Jubiläums des EDMSJ, von wessen Erbe die Rede ist und wer über die Erinnerung der Gesellschaft bestimmt. Damit verschiebt sich der Fokus vom universalistischen Wert der ‚Europäischen Stadt‘ zu einer local in the global-Perspektive und […]

Weiterlesen…

Regine Hess